Unser Verständnis von verschiedenen Konzepten

Um transparent zu machen mit welcher Grundhaltung wir in den Workshops arbeiten benennen wir hier für euch unser Verständnis von Diskriminierung, Privilegierung und Machtverhältnissen

Was verstehen wir unter Machtverhältnissen?

Machtverhältnissen führen dazu, dass bestimmte Personengruppen Vorteile gegenüber anderen Personengruppen haben. Bevorteilung (Privilegierung) geschieht auf Kosten von Benachteiligung (Diskriminierung) bestimmter Gruppen.

Beispiele für Machtverhältnis sind:

  • Rassismus: Rassismus bevorzugt weiße gegenüber POCs und Schwarzen Menschen. Weiße profitieren von Rassismus. Weitere Formen von Rassismus sind unter anderem antimuslimischer Rassismus oder Rassismus gegen Sinti und Roma.
  • Sexismus: Sexismus ist das Machtverhältnis, welches Jungs/Männer gegenüber Mädchen/Frauen bevorzugt.
  • Ableismus: Ableismus ist das Machtverhältnis, das Personen bevorzugt, welche nicht behindert werden.
  • Adultismus: Adultismus ist das Machtverhältnis, welches Kinder und Jugendliche benachteiligt.
  • Heterosexismus: Dieses Machtverhältnis erzeugt Homodiskriminierung, also die benachteiligung von pansexuellen, lesbischen, bisexuellen oder schwulen Menschen.
  • Cis-Sexismus: Dieses Machtverhältnis erzeugt Transdiskriminierung und Privilegierung von Cis-Personen.
  • Klassismus bevorzugt, bzw. Benachteiligt Menschen auf Grund von Einkommen und/oder Bildung.

Wichtig: Bevorzugte Personen werden nie durch die entsprechende Diskriminierungsform benachteiligt.

weiße Personen werden beispielsweise niemals durch Rassismus benachteiligt. Das könnte eine Situatione sein, die das beschreibt:Effie ist Schwarz. Sie ist in einer AG von Schwarzen und POC Schüler*innen. Die AG fordert einen Raum in dem sie sich einmal wöchtentlich treffen können, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Sy geht in die 9. Klasse der Schule. Sy ist weiß und möchte sich auch gegen Rassismus einsetzen und fragt, ob es möglich ist der Gruppe beizutreten. Die Gruppe erklärt, dass sie nur offen sind für Leute, die sich als Schwarz oder POCs positionieren. Eine Lehrperson bekommt das mit und wirft der Gruppe vor, dass sie selbst diskriminiert. Sie fordert, dass sie Sy aufnehmen sollen. Warum ist „der Aussschluss“ von Sy keine Diskriminierung? Der Raum für ausschließlich Schwarze und POCs ist nur notwendig da Rassismus existiert. Effie wünscht sich einen Raum in dem sie ohne Dinge groß erklären zu müssen sich mit anderen Schwarzen und POCs sich über Erfahrungen austauschen kann. Einen solchen Raum gibt es an der Schule nicht. Sy, als weiße Person wird nicht rassistisch diskriminiert und wird aufgrund des weiß-seins immer als zugehörig gesehen. Wenn sich Sy gegen Rassismus einsetzen möchte könnte Sy beispielsweise ein Gruppe gründen, um sich mit weißen Personen über Privilegierungserfahrungen und wie eigenen Privilegien verantwortungsvoll genutzt werden können, austauschen.

Was verstehen wir unter Diskriminierung und Privilegierung?

Diskriminierung und Privilegierung geschieht auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene. Die verschiedenen Ebenen greifen ineinander, verstärken und bedingen sich. Diskriminierungen werden häufig verharmlost. Es wird so getan als ob es nur Diskriminierung auf individueller Ebene gibt. Benachteiligende Handlungen werden dadurch nicht in Verbindung mit gesellschaftlichen Werten (strukturelle Diskriminierung) gesehen. Um Diskriminierung abzubauen ist es wichtig an allen Ebenen anzusetzen.

Ein Beispiel für individuelle Diskriminierung ist, wenn die Person namens Sy von Mitschüler_innen ausgegrenzt wird, weil sie sich als lesbisch geoutet hat. Institutionelle Diskriminierung ist, wenn in Schulbüchern keine lesbischen Paare, sondern nur heterosexuelle abgebildet werden und Homosexualität auch sonst im Unterricht nicht benannt wird. Das heißt Sys sexuelle Orientierung wird durch die Institution Schule unsichtbar gemacht. Strukturelle Diskriminierung sind gesellschaftliche Werte und Normen. Das zeigt sich beispielsweise, dass erst mal davon ausgegangen wird, dass alle Menschen heterosexuell sind. Diese Annahme kann dazu führen, dass lesbische Personen ausgegrenzt werden. Häufig wird nur individuelle Diskriminierung gesehen. Lehrkräfte schreiten hoffentlich ein, wenn Sy beleidigt wird. Um Homodiskriminierung entgegenzuwirken ist es notwendig auch Lehrinhalte und vermittelte Werte und Normen zu hinterfragen.

Alle Menschen haben Vorurteile, die Diskriminierungen stützen verinnerlicht, es ist naheliegend, dass alle Menschen diskriminierend handeln. Daher hat jeder Mensch die Verantwortung sich mit Verinnerlichung auseinanderzusetzen.

Effie wird nicht behindert, möchte sich aber gegen Diskriminierung von Menschen, die behindert werden einsetzen. Trotzdem hat Effie schon einige Male die Begleitpersonen von der neuen Mitschülerin Kim, die einen Rollstuhl benutzt, gefragt ob sie helfen kann. Statt Kim selbst zu fragen hat Effie die Begleitperson angesprochen. Menschen die einen Rollstuhl benutzen passiert es häufig, dass über sie und mit Begleitpersonen, statt mit ihnen selbst gesprochen wird.

Alle Menschen haben immer mehrere Identitäten (Mehrfachzugehörigkeit) und erleben daher in Bezug auf ihre Identitäten mehrere Diskriminierungen und Privilegierungen. Die Überschneidung von mehreren Diskriminierungsformen führen zu neuen Erfahrungen. Es ist wichtig Identitätsmerkmale nicht getrennt voneinander zu betrachten. Verschiedene Merkmals sind immer miteinander verwoben.

Eine weiße Frau wird beispielsweise durch Sexismus benachteiligt und durch Rassismus privilegiert. Außerdem sind ihre Diskriminierungs-, bzw. Privilegierungserfahrungen unter anderem dadurch beeinflusst, wie alt sie ist, ob sie bestimmten Schönheitsnormen entspricht und_oder behindert wird.

Wenn Sy nach der Schule nach Hause kommt ist die Mutter zu Hause und sie machen gemeinsam Hausaufgaben. Abends trifft sich die Mutter oft mit ihren Freundinnen. Sie sprechen darüber wie sie nach den Jahren mit den Kindern wieder in ihre gut bezahlten Jobs einsteigen können.Effies Mutter kommt erst nach Hause, wenn sie schon schläft, da sie zwei Jobs hat. Die Mutter hat, bevor sie nach Deutschland immigriert ist, als Ingenieurin gearbeitet. In Deutschland wird ihre Qualifikation nicht anerkannt. Daher kann sie ihren Beruf nicht ausführen und muss schlecht bezahlte Arbeiten machen.

Was ist unser Verständnis von Empowerment und Sensibilisierung?

Wir orientieren uns an dem Verständnis von Empowerment, welches in der Broschüre “Empowerment aus der People of Color – Perspektive. Reflexionen und Empfehlungen zur Durchführung von Empowerment-Workshops gegen Rassismus” von Halil Can beschrieben wird. Diese ist unter http://bgz-berlin.de/files/empowerment_webbroschuere_barrierefrei.pdf zu finden.

Empowerment hat Selbstbemächtigung zum Ziel. Das heißt für uns, dass Menschen, die diskriminiert werden, gesellschaftliche Ungleichbehandlungen bewusst werden. Außerdem meinen wir mit Selbstbemächtigung, dass eigene Stärken erkannt und gestärkt werden und Umgangsstrategien mit Diskriminierung ausgebaut werden. So ist es möglich ein selbstbestimmtes Leben zu führen und dem „Erleben von Machtlosigkeit und Fremdbestimmung“ (Vgl. Can: 8) etwas entgegen zu setzten.

Sy schämt sich lesbisch zu sein. In einem Empowermentworkshop lernt Sy wie Diskriminierung funktioniert und wem sie nutzt. Das hilft Sy ihrer Scham etwas entgegen zu setzten. Es ist nichts peinlich daran lesbisch zu sein. Sy ist nicht mehr wütent auf sich, sondern auf die Ungerechtigkeit. Es ist ungerecht, dass Sy anders behandelt und ausgegrenzt wird, nur weil sich Sy in ein Mädchen verliebt hat. Niemand kann beeinflussen in wen mensch sich verliebt. Sy lernt außerdem in dem Workshop Reaktionsmöglichkeiten auf doofe Sprüche. Das gibt Sy mehr Sicherheit.

Ferner gehört für uns zum Ziel von Empowerment, dass mehr Gerechtigkeit entsteht. So „bezeichnet Empowerment also einen konflikthaften Prozess der Umverteilung von politischer Macht“ (Can: 8). Dabei sollten die Fähigkeiten und Möglichkeiten eines diskriminierten Menschen „Ausgangs- und Mittelpunkt für individuelle und gesellschaftliche Veränderungen“ (Can: 8) sein.

Eine Trans*jugendliche Person namens Nuh sieht, dass nicht das eigene Geschlecht falsch ist, sondern Cissexismus und Trans*diskriminierung die Mechanismen, die Nuh das Gefühl geben „falsch zu sein“. Nuh möchte sich für die eigenen Recht einsetzten und ist motiviert sich als Schülersprecher_in wählen zu lassen. Nuh gründet eine Arbeitsgruppe, welche die Forderung nach Allgender-Toiletten immer wieder bei der Schulleitung vorbringt.

Wo kommt Empowerment her?

Empowerment ist nicht neu. Prozesse der Selbstbemächtigung sind und waren schon immer Teil der Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg und durch die Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegungen der kolonisierten Länder war Selbstbemächtigung notwendig. Der Begriff „Empowerment“ wurde in den USA schon Ende des 19. Jahrhunderts innerhalb Sozialer Arbeit genutzt. Als politisches Konzept verbreitete es sich durch die Schwarze Bürgerrechts-, die feministische Frauen- und Selbsthilfebewegung ab 1960.

 

Sensibilisierung hat zum Ziel ein Bewusstsein für eigene Privilegien bei Menschen, die von bestimmten Formen von Diskriminierung profitieren zu schaffen. Dazu kann gehören sich über die Lebenslage von bestimmten Menschen anhand von Workshops, Videos oder Texten zu informieren.

Sy hat sich etwas mehr mit Rassismus beschäftigt. Sie versteht nun etwas besser was weiße Privilegien sind und kann nachvollziehen warum es für POCs wichtig ist eine Gruppe aus Menschen, die Rassismus erleben, zu haben. Sy mag es ja auch total gerne mit anderern lesbischen Leuten Zeit zu verbringen.

 Außerdem ist es wichtig sich bewusst zu machen welche Vorurteile das eigene Handeln beeinflussen und wie die eigenen Privilegien genutzt werden können, damit mehr Menschen Vorteile haben.

Die Cisgeschlechtlichen Klassensprecher_innen von Nuhs Schule erkennen – nach einem Sensibilisierungsworkshop – dass es gerade für Nuh anstrengend sein kann sich immer und überall für die eigenen Rechte einzusetzten. Sie fragen was Nuh sich von ihnen als Unterstützung wünscht.